Die Winter waren das Schlimmste. Irgendein stinkender Zigeuner hatte mal von milden Wintern in Europa gefaselt, wo es nichtmal Schnee gab, und Fillan hatte ihm vor die Füße gespuckt, als er das gehört hatte. Er hatte einfach schon genug Freunde in der kalten Jahreszeit verloren, um sich das anzuhören. Und dieser Winter war besonders schlimm. Die Straßen waren wie ein Minenfeld, die Menschen wütend und müde, krank und verbittert. Sie waren arm und deswegen lief der Markt schlecht, sie kauften nicht mehr ein, der Platz an dem die Händler ihre Stände aufbauten, blieb leer und die Diebe hatten keine Chance, sich irgendwie zwischen ihnen zu verstecken, sich unsichtbar zu machen, oder sich anderweitig an den ausgelegten, so dringend benötigten Waren oder den Geldbeuteln zu schaffen zu machen, selbst für Fillan. 
Aber heute war ein guter Abend. Er hatte einen toten Angler am Fluss gefunden, dessen Taschen noch nicht von jemand anderem geplündert worden waren, und so war McCarthy schließlich mit satten 7 Dollar au fdem Weg zum Marktplatz. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen, als er das Fleisch und den Fisch in den Auslagen sah und es kümmerte ihn nichtmal, wie kalt und scharf ihm der Wind ums Gesicht blies, als er dem Händler das Geld mit vereisten und steifen Fingern entgegenstreckte. Aber der Junge sollte das begehrte Stück nicht bekommen, der Händler erkannte ihn schneller, als Fillan gedacht hätte. So einen Ruf zu haben, hatte auch seine Nachteile… 
Der Mann schlug ihm das Geld aus der Hand, fuhr regelrecht aus der Haut. “Ich will dein schmutziges, gestohlenes Geld nicht!!! Ich kenne dein Gesicht, du kleiner Hurensohn!! Wachen!!!” Im Nachhinein schob Fillan seine späte Reaktion vielleicht auf seine Müdigkeit oder die Kälte, aber der Junge regte sich erst, als er die roten Uniformen der Soldaten schon im Augenwinkel erkennen konnte, und rannte dann um sein Leben. Er wusste nicht, wo er sich verstecken sollte, die Straßen waren leer und die Tpren verschlossen, keiner hielt sich hier freiwillig in der Kälte auf. Das Pflaster war glatt, Fillan schlitterte immer wieder zur Seite, riss sich die ohnehin schon abgetragenen Hosen nurnoch mehr dabei auf und spürte die beißende Kälte fast mehr als den Schmerz der durch den Sturz hervor gerufen wurde. Hinter ihm knallten Schüsse, aber der Räuber lief weiter, was blieb ihm auch anderes übrig. Und dann kam, was kommen musste: Eine der so hastig verschossenen Kugeln traf schließlich ihr Ziel, bohrte sich in seinen Oberschenkel und riss McCarthy zu Boden. Der Schmerz war einfach zu heftig, seine Kräfte ausgezehrt, er schaffte es nicht mehr sich ein weiteres Mal hoch zuziehen und weiterzulaufen. Und ehe er wirklich fertig war mit dem Versuch, hatten ihn die Rotröcke schließlich erreicht, ihn gepackt und hochgezerrt, sie wollten ihn in das kleine Fort am Stadtrand bringen damit er am nächsten Morgen gehängt werden konnte. Ihm wurde kein Prozess mehr gemacht, ob minderjährig oder nicht, auf Fillan McCarthy war inzwischen ein so hohes Kopfgeld ausgesetzt, der Junge konnte froh sein, überhaupt noch diese eine Nacht des Lebens geschenkt zu bekommen. 
Der Dieb ließ sich mitziehen, über den Schnee und das Eis auf dem Boden, es wurde immer dunkler um ihn herum, nicht nur, weil die Sonne eben untergegangen war. Da zogen Häuser an ihm vorbei, Türen und Fenster, ein Viertel, das nächste, sie kamen ihrem Ziel immer näher, und dann gelangten sie schließlich in die “Gehobene Gegend”. Eigentlich Sperrgebiet für Straßenkinder und Streuner wie Fillan, es war ja fast verwunderlich, dass die Soldaten ihren Weg hier durchnahmen. Aber er kannte diese Ecke. Dieses Haus hier vorallem… 
Es war, als durchzuckte den Körper des Jungen ein Schlag, ein Impuls der ihn wieder aufstehen ließ. Die Wachen, die ihn festgehalten und wohl einfach nicht mehr mit einer Gegenwehr gerechnet hatten, konnten den Dieb kaum halten, Fillan schaffte es, sich loszureißen, sprintete auf das Haus auf der anderen Straßenseite zu und hechtete über den kleinen weißen Zaun, der um das weitläufige Grundstück lag. Die Haustür war verschlossen, der Junge hämmerte mit den Fäusten dagegen und schrie wie am Spieß, das hier war seine letzte Chance..
"WILLIAM!!—-MACH DIE TÜR AUF!!! WILLIAM!!" 
Das Schloss knackte, die Tür schwang langsam auf, Fillan drückte sich ihr entgegen und schlüpfte in die Sicherheit des Hauses, landete dort mit dem Gesicht auf den frisch geputzten Fliesen. Die Erleichterung, die sich beim Anblick des Franzosen in ihm ausgebreitet hatte, wich so schnell wieder, wie sie gekommen war, denn dort oben, am Ende der dunklen Treppe, erkannte er jetzt eine Gestalt. Ein schönes Kleid, eine schlanke Figur und diese feuerroten, leicht gelockten Haare, die sich um das zwarte Gesicht seiner Schwester legten. 



T H E M E